English    Русский    Español    Nederlands    Deutsch    Italiano    Français
Header Image

In das Unbekannte navigieren: Ein Interview mit Carlos Castaneda

für das Magazin Uno Mismo, Chile und Argentinien, Februar 1997,
von Daniel Trujillo Rivas. *

Frage: Herr Castaneda, über Jahre sind Sie völlig anonym geblieben. Was brachte Sie dazu, diesen Zustand zu ändern und öffentlich über die Lehren zu sprechen, die Sie und Ihre drei Kolleginnen von dem Nagual Juan Matus erhielten?


Antwort: Was uns dazu zwingt, Don Juan Matus Ideen zu verbreiten, ist die Notwendigkeit, zu klären, was er uns lehrte. Für uns ist dies eine Aufgabe, die nicht länger aufgeschoben werden kann. Seine anderen drei Schüler und ich, sind zu der einmütigen Schlußfolgerung gelangt, daß die Welt, in die Don Juan Matus uns einführte, innerhalb der perzeptorischen Möglichkeiten aller menschlichen Wesen liegt. Wir haben unter uns darüber diskutiert, welchen Weg zu gehen am angemessensten wäre. Anonym zu bleiben, wie es uns Don Juan vorgeschlagen hatte? Diese Möglichkeit war nicht akzeptabel. Der andere verfügbare Weg war, die Ideen Don Juans zu verbreiten. Eine unendlich gefährlichere und erschöpfendere Alternative, aber die einzige, die unseres Erachtens die Würde besitzt, mit der Don Juan all seine Unterweisungen erfüllte.

Frage: In Anbetracht dessen, was Sie über die Unvorhersagbarkeit der Handlungen eines Kriegers gesagt haben, und das wir auch über drei Jahrzehnte bestätigen konnten, können wir erwarten, daß diese öffentliche Phase, die Sie durchlaufen, eine Weile dauern wird? Bis wann?

Antwort: Es gibt für uns keine Möglichkeit zeitliche Kriterien aufzustellen. Wir leben gemäß der von Don Juan aufgestellten Prämissen und weichen niemals von Ihnen ab. Don Juan Matus gab uns das beeindruckende Beispiel eines Mannes der genauso lebte wie er es sagte. Und ich sage, daß es ein beeindruckendes Beispiel ist, weil es außerordentlich schwierig zu erreichen ist, monolithisch zu sein und zur gleichen Zeit die Flexibilität zu haben, jedweder Sache gegenüberzutreten.Das war die Art, wie Don Juan lebte.

Das einzige was man innerhalb dieser Lebensweise sein kann, ist ein makelloser Vermittler. Man ist nicht der Spieler in dieser kosmischen Schachpartie, man ist einfach eine Figur auf dem Schachbrett. Was alles entscheidet, ist eine bewußte unpersönliche Energie, die die Schamanen die Absicht oder den Geist nennen.

Frage: Soweit ich es bestätigen konnte, untergraben sowohl die orthodoxe Anthropologie als auch die angeblichen Verteidiger des präkolumbianischen kulturellen Erbes Amerikas die Glaubwürdigkeit ihres Werkes. Bis heute besteht die Ansicht, Ihr Werk sei lediglich das Produkt ihres – übrigens außergewöhnlichen – literarischen Talents. Andere Kreise beschuldigen sie der Doppelmoral, weil Ihr Lebensstil und Ihre Aktivitäten angeblich dem zuwiderlaufen, was die Mehrheit von einem Schamanen erwartet. Wie können Sie diese Verdächtigungen aufklären?

Antwort: Das Erkenntnissystem des westlichen Menschen zwingt uns, uns auf vorgefaßte Ideen zu verlassen. Wir gründen unsere Einschätzungen auf etwas, das immer “a priori” ist, beispielsweise die Idee dessen, was “orthodox” ist. Was ist orthodoxe Anthropologie? Diejenige, die in den Hörsälen der Universität gelehrt wird? Was ist das Verhalten eines Schamanen? Federn auf dem Kopf zu tragen und für die Geister zu tanzen? Dreißig Jahre lang hat man Carlos Castaneda beschuldigt, eine literarische Figur erschaffen zu haben, einfach deshalb, weil das von mir Berichtete nicht mit dem anthropologischen “a priori” übereinstimmt, mit den in den Hörsälen oder in der anthropologischen Feldarbeit aufgestellten Ideen. Was jedoch Don Juan mir präsentierte, kann nur für eine Situation zutreffen, die totale Aktion erfordert, und unter solchen Umständen geschieht nur sehr wenig oder gar nichts Vorgefaßtes.

Ich bin nie im Stande gewesen, über den Schamanismus Schlüsse zu ziehen, weil man ein aktives Mitglied der Welt der Schamanen sein muß um dies zu tun. Für einen Sozialwissenschaftler, sagen wir zum Beispiel einen Soziologen, ist es sehr leicht, über irgendein Thema bezüglich der westlichen Welt zu soziologischen Schlußfolgerungen zu gelangen, weil der Soziologe ein aktives Mitglied der westlichen Welt ist. Wie aber kann ein Anthropologe, der bestenfalls zwei Jahre mit dem Studium anderer Kulturen verbringt, zu verläßlichen Schlüssen über sie kommen? Um Mitgliedschaft in einer Kulturwelt zu erwerben, braucht man ein ganzes Leben. Ich habe für mehr als dreißig Jahre in der kognitiven Welt der Schamanen des alten Mexikos gearbeitet, und ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß ich die Mitgliedschaft erworben habe, die mir gestatten würde Schlußfolgerungen zu ziehen oder auch nur vorzuschlagen.

Ich habe dies mit Leuten aus verschiedenen Fachrichtungen diskutiert, und immer scheinen sie die von mir vorgestellten Prämissen zu verstehen und mit ihnen übereinzustimmen. Aber dann drehen sie sich um, vergessen alles mit dem sie einverstanden waren und vertreten weiterhin “orthodoxe” akademische Prinzipien, ohne sich um die Möglichkeit eines absurden Irrtums in ihren Schlüssen zu scheren. Unser Erkenntnissystem scheint undurchdringlich zu sein.

Frage: Welche Absicht hat die Tatsache, daß Sie sich weder fotografieren noch ihre Stimme aufnehmen lassen oder ihre biographischen Daten bekanntgeben? Glauben Sie nicht, daß es für einige aufrichtige Wahrheitssucher nützlich wäre, zu wissen wer Sie wirklich sind, als eine Art von Bestätigung, daß es tatsächlich möglich ist dem von Ihnen verkündeten Pfad zu folgen?

Antwort: Bezüglich Fotografien und persönlicher Daten folgen ich und die drei Schülerinnen Don Juans dessen Anweisungen. Der Hauptgedanke hinter der Zurückhaltung, persönliche Daten zu geben, ist für einen Schamanen wie Don Juan sehr einfach. Es ist unbedingt erforderlich, das, was er “persönliche Geschichte” nannte, beiseite zu lassen. Vom “ich” wegzukommen, ist etwas außerordentlich Lästiges und Schwieriges. Was die Schamanen wie Don Juan suchen, ist ein Zustand der Fluidität, wo das persönliche “ich” nicht mehr zählt. Er glaubte die Abwesenheit von Fotografien und persönlichen Daten beeinflusse jedermann, der dieses Aktionsfeld betritt, in einer positiven wenn auch unterschwelligen Weise. Wir sind bis zur Grenze daran gewöhnt Fotografien, Bandaufzeichnungen und biographische Daten zu benutzen, all dies von der Idee der eigenen Wichtigkeit hervorgebracht. Don Juan sagte es wäre besser, überhaupt nichts über einen Schamanen zu wissen; auf diese Weise , träfe man auf eine Idee, die aufrecht erhalten werden kann, anstatt auf eine Person zu stoßen – das Gegenteil von dem, was in der Alltagswelt geschieht, wo wir nur Personen mit psychologischen Problemen und ohne Ideen finden, alle bis zum Hals gefüllt mit “ich, ich, ich”.

Frage: Wie sollen Ihre Anhänger die Publicity und die kommerzielle Infrastruktur deuten, die – Ihr literarisches Werk einmal ausgenommen – das Wissen umgibt, daß Sie und Ihre Gefährtinnen verbreiten? Welche Verbindung besteht wirklich zwischen Ihnen und Cleargreen sowie den anderen Gesellschaften (Laugan Productions, Toltec Artists)? Ich meine damit auch den kommerziellen Aspekt dieser Verbindung.

Antwort: An diesem Punkt meiner Arbeit brauchte ich jemanden, der mich in bezug auf die Verbreitung von Don Juan Matus’ Ideen öffentlich vertreten konnte. Cleargreen ist eine Gesellschaft, die eine starke Affinität zu unserer Arbeit hat, ebenso wie Laugan Productions und Toltec Artists. Die Vorstellung der Verbreitung von Don Juans Lehren in der modernen Welt impliziert automatisch die Nutzung von kommerziellen und künstlerischen Medien, die sich außerhalb meiner individuellen Reichweite befinden. Doch Cleargreen Incorporated, Laugan Productions und Toltec Artist sind als öffentliche Gesellschaften in der Lage, mir die Mittel bereitzustellen, das zu verbreiten, was ich verbreiten will.

Normalerweise haben solch unpersönliche Gesellschaften die Tendenz, alles, was ihnen geboten wird, ihrer eigenen Ideologie anzupassen und es so zu verändern. Wenn das Interesse von Cleargreen, Laugan Productions und Toltec Artist an den Ideen der Zauberer nicht wirklich aufrichtig gewesen wäre, hätten sie all das, was Don Juan sagte, inzwischen in etwas ganz anderes verwandelt.

Frage: Es gibt eine große Zahl von Leuten, die sich, auf die eine oder andere Weise, an Sie “angehängt” haben, um öffentlich bekannt zu werden. Was ist ihre Ansicht über Victor Sanchez, der ihre Lehren interpretiert und reorganisiert hat, um eine persönliche Theorie auszuarbeiten, oder über Ken Eagle Feathers Behauptung er sei von Don Juan als dessen Schüler auserwählt worden, und Don Juan sei nur für ihn in diese Dimension zurückgekehrt?

Antwort: Es gibt in der Tat eine Reihe von Leuten, die sich selbst als meine oder Don Juans Schüler bezeichnen. Leute, die ich nie kennengelernt habe und die, wie ich garantieren kann, auch Don Juan niemals kennengelernt hat. Don Juan Matus war ausschließlich an der Fortdauer seiner Linie von Schamanen interessiert. Er hatte vier Schüler, die noch bis heute da sind. Er hatte andere, die mit ihm fortgingen. Don Juan war nicht daran interessiert sein Wissen zu lehren: Er brachte es seinen Schülern bei, damit diese seine Linie fortsetzten. Aufgrund der Tatsache, daß sie Don Juans Linie nicht weiterführen können, haben sich seine vier Schüler gezwungen gesehen, seine Ideen zu verbreiten.

Der Begriff eines Lehrers, der sein Wissen lehrt, ist Teil unseres Erkenntnissystems, nicht aber Teil des Erkenntnissystems der Schamanen des alten Mexikos. Es war absurd für sie, zu lehren. Ihr Wissen denjenigen zu vermitteln, die ihre Linie weiterführen würden, war eine andere Sache.

Die Tatsache, daß es eine Anzahl von Individuen gibt, die darauf bestehen, meinen oder Don Juans Namen zu benutzen, ist einfach ein simples Manöver, um ohne große Anstrengung für sich selbst Nutzen zu ziehen.

Frage: Lassen sie uns die Bedeutung des Wortes “Spiritualität” als einen Bewußtseinszustand betrachten, in dem menschliche Wesen vollständig zur Kontrolle des Potentials der Spezies imstande sind, etwas das durch das Transzendieren des simplen Tierzustands mittels hartem psychischen, moralischen und intellektuellen Trainings erreicht wird. Stimmen Sie mit dieser Behauptung überein? Wie ist Don Juans Welt in diesen Zusammenhang eingegliedert?

Antwort: Für Don Juan Matus, einen pragmatischen und extrem nüchternen Schamanen, war “Spiritualität” eine leeres Ideal, eine Behauptung ohne Grundlage, die uns sehr schön erscheint, weil sie in literarische Konzepte und poetische Ausdrucksweise eingebettet ist, aber nie darüber hinausgeht.

Schamanen wie Don Juan sind im wesentlichen praktisch. Für sie existiert lediglich ein räuberisches Universum, wo Intelligenz oder Bewußtheit das Produkt von Herausforderungen sind, bei denen es um Leben und Tod geht. Er betrachtete sich selbst als ein Navigator der Unendlichkeit und sagte, daß man unbeschränkten Pragmatismus, grenzenlose Nüchternheit und ungeheuren Mut brauche, um wie ein Schamane ins Unbekannte zu navigieren.

In diesem Sinne glaubte Don Juan, daß “Spiritualität” schlichtweg eine Beschreibung von etwas ist, das innerhalb der Muster der Alltagswelt unmöglich zu erreichen ist und was kein wirklicher Weg des Handelns ist.

Frage: Sie haben aufgezeigt, daß Ihre literarische Tätigkeit, ebenso wie die von Taisha Abelar und Florinda Donner-Grau, das Ergebnis von Don Juans Instruktionen ist. Worauf zielt das ab?

Antwort: Das Ziel diese Bücher zu schreiben, wurde von Don Juan gesteckt. Er versicherte, daß man, selbst wenn man kein Schriftsteller ist, schreiben kann, aber das Schreiben verwandelt sich von einer literarischen Handlung in eine schamanische Handlung. Was den Gegenstand und die Entwicklung eines Buches entscheidet, ist nicht der Geist des Schriftstellers, sondern vielmehr die Kraft, die die Schamanen für die Grundlage des Universums halten, und die sie Absicht nennen. Es ist die Absicht, welche über das Werk eines Schamanen entscheidet, sei es literarischer oder sonstiger Natur. Laut Don Juan hat ein Praktizierender des Schamanismus die Verpflichtung und Obliegenheit, sich mit sämtlicher verfügbarer Information anzufüllen. Es ist die Arbeit eines Schamanen, sich gründlich über alles, was möglicherweise mit dem Thema seines Interesses verknüpft ist, zu informieren. Die schamanistische Handlung besteht darin, jedes Interesse an einer Lenkung des Verlaufs jener Information aufzugeben. Don Juan pflegte zu sagen: “Wer die Ideen ordnet, die aus einer solchen Informationsquelle entspringen, ist nicht der Schamane sondern die Absicht. Der Schamane ist einfach ein makelloser Kanal.” Für Don Juan war das Schreiben eine schamanische Herausforderung und nicht eine literarische Aufgabe.

Frage: Ihr literarisches Werk bietet Konzepte an, die eng mit orientalisch-philosophischen Lehren verwandt sind. Es widerspricht jedoch dem, was gemeinhin über die Kultur der mexikanischen Indianervölker bekannt ist. Welches sind die Ähnlichkeiten und die Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen?

Antwort: Keine Ahnung, ich bin in keinem von beiden bewandert. Mein Werk ist ein phänomenologischer Bericht der Erkenntniswelt, in die Don Juan Matus mich einführte. Aus der Perspektive der Phänomenologie, als einer philosophische Methode, betrachtet, ist es unmöglich, Behauptungen aufzustellen, die zu dem untersuchten Phänomen in Beziehung stehen. Die Welt Don Juans ist so weitläufig, so geheimnisvoll und widersprüchlich, daß sie für eine Übung in linearer Darstellung nicht geeignet ist. Das Äußerste, was man tun kann, ist sie zu beschreiben – und das nur mit größter Anstrengung.

Frage: Angenommen, daß die Lehren Don Juans zu einem Bestandteil okkulter Literatur geworden sind, was ist ihre Meinung über andere Lehren – im Vergleich zu denen Don Juans – innerhalb dieser Kategorie, zum Beispiel die Freimaurerphilosophie, das Rosenkreuzertum, der Hermetizismus oder Disziplinen wie Kabbala, Tarot und Astrologie? Haben Sie jemals irgendeinen Kontakt mit einer dieser Richtungen oder ihren Anhängern gehabt oder haben ihn noch?

Antwort: Erneut habe ich nicht die leiseste Ahnung, was die Prämissen, Standpunkte und Gegenstände solcher Disziplinen sind. Don Juan präsentierte uns die Herausforderung, ins Unbekannte zu navigieren, und das benötigt all unsere verfügbaren Anstrengungen.

Frage: Haben einige der Konzepte Ihres Werks – wie der Montagepunkt, die das Universum ausmachenden Energiefilamente, die Welt der anorganischen Wesen, Absicht, Pirschen und Träumen – ein Gegenstück im Wissen der westlichen Welt? Beispielsweise gibt es einige Leute, die meinen, daß der Mensch, als leuchtendes Ei gesehen, eine Erscheinungsform der Aura sei.

Antwort: Soweit ich weiß, scheint nichts von dem, was Don Juan uns lehrte, ein Gegenstück im Wissen der westlichen Welt zu haben. Einmal, als Don Juan noch hier war, verbrachte ich ein ganzes Jahr mit der Suche nach Gurus, Lehrern und Weisen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was sie tun. Ich wollte wissen, ob es zu jener Zeit in der Welt etwas den Worten und Taten Don Juans Vergleichbares gäbe. Meine Mittel waren sehr beschränkt und gestatteten mir nur die etablierten Meister kennenzulernen, die Millionen von Anhängern hatten – unglücklicher Weise konnte ich keine Ähnlichkeit finden.

Frage: Wenn wir uns speziell auf Ihr literarisches Werk konzentrieren, finden wir unterschiedliche Carlos Castanedas. Zuerst einen etwas inkompetenten westlichen Akademiker, der angesichts der Kräfte alter Indios wie Don Juan und Don Genaro ständig verwirrt ist (hauptsächlich in “Die Lehren des Don Juan”, “Eine andere Wirklichkeit”, “Die Reise nach Ixtlan”, “Der Ring der Kraft” und “Der zweite Ring der Kraft”), später dann ein versierter Lehrling des Schamanismus (“Die Kunst des Pirschens”, “Das Feuer von Innen”, “Die Kraft der Stille” und insbesondere “Die Kunst des Träumens” ). Falls sie mit dieser Einschätzung einverstanden sind, wann und wie wurde der Erstere zum Letzteren?

Antwort: Ich betrachte mich weder als Schamane noch als Lehrer, auch nicht als ein fortgeschrittener Student des Schamanismus. Ich sehe mich genausowenig als Anthropologen oder Sozialwissenschaftler der westlichen Welt. Alle meine Darlegungen waren Beschreibungen eines Phänomens, das unter den Bedingungen des linearen Denkens der westlichen Welt unmöglich erkannt werden kann. Was Don Juan mir beibrachte, konnte ich nie in Begriffen von Ursache und Wirkung erklären. Es gab keinen Weg vorherzusagen, was er sagen oder was geschehen würde. Unter solchen Umständen ist der Übergang von einem Zustand in den anderen subjektiv und nicht etwas sorgfältig Ausgearbeitetes, auch kein Produkt des Vorbedachts oder der Weisheit.

Frage: In ihrem literarischen Werk kann man für die westliche Mentalität wahrhaft unglaubliche Episoden finden. Wie kann ein Uneingeweihter nachprüfen, daß all jene “separaten Realitäten” wirklich sind, wie Sie behaupten?

Antwort: Es kann sehr leicht nachgeprüft werden, indem man seinen ganzen Körper hergibt – nicht nur seinen Intellekt. Don Juans Welt kann man nicht intellektuell betreten wie ein Dilettant, der schnelles und flüchtiges Wissen sucht, noch kann in Don Juans Welt irgend etwas absolut überprüft werden. Das einzige was wir tun können, ist einen Zustand erweiterter Bewußtheit zu erreichen, der uns die Umwelt auf umfassendere Weise wahrnehmen läßt. Es ist das Ziel von Don Juans Schamanismus, die Parameter der historischen und alltäglichen Wahrnehmung zu brechen und das Unbekannte wahrzunehmen.

Aus eben diesem Grund nannte er sich selbst einen Navigator der Unendlichkeit. Er behauptete, die Unendlichkeit läge jenseits der Parameter alltäglicher Wahrnehmung. Sein Lebensziel war es diese Parameter zu brechen, und weil er ein außergewöhnlicher Schamane war, flößte er uns allen Vieren dasselbe Verlangen ein. Er zwang uns den Intellekt zu transzendieren und dieses Konzept – Grenzen historischer Wahrnehmung zu zerbrechen – zu verkörpern.

Frage: Sie erklären, es sei die Grundlegende Charakteristik von Menschen, “Wahrnehmer von Energie” zu sein. Die Verschiebung des Montagepunktes bezeichnen Sie als etwas für die direkte Wahrnehmung von Energie unbedingt erforderliches. Wie kann dies einem Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts dienlich sein, und wie kann das Erreichen dieses Ziels jemandem bei seiner spirituellen Vervollkommnung helfen, so wie sie zuvor definiert wurde?

Antwort: Schamanen wie Don Juan behaupten, daß alle menschlichen Wesen die Fähigkeit haben, die Energie direkt zu sehen – so, wie sie im Universum fließt. Der Montagepunkt ist nach ihrem Glauben ein Ort, der innerhalb der Gesamtheit des menschlichen Energiefeldes existiert. Anders ausgedrückt: Wenn ein Schamane einen Menschen als Energie wahrnimmt, sieht er eine leuchtende Kugel. Innerhalb jener leuchtenden Kugel kann der Schamane einen Punkt von noch größerer Leuchtkraft sehen, auf der Höhe der Schulterblätter etwa eine Armeslänge nach hinten versetzt. Die Schamanen behaupten, daß die Wahrnehmung in diesem Punkt stattfindet und die Energie hier in Sinnesdaten umgewandelt wird.

Diese Daten werden anschließend interpretiert, um als Resultat unsere tägliche Lebewelt zu ergeben. Die Schamanen unterstellen dabei, daß uns beigebracht wird zu interpretieren und eben deshalb auch wahrzunehmen.

Der pragmatische Wert Energie direkt wahrzunehmen, so wie sie im Universum fließt, ist für einen Menschen des einundzwanzigsten oder des ersten Jahrhunderts derselbe. Er gestattet ihm, die Grenzen seiner Wahrnehmung zu erweitern und diese Erweiterung innerhalb seiner Umwelt anzuwenden. Don Juan betonte, es wäre sehr außergewöhnlich, das Wunder von Ordnung und Chaos im Universum unmittelbar zu sehen.

Frage: Unlängst haben Sie eine Disziplin von Körperübungen mit dem Namen “Tensegrity” vorgestellt. Können Sie erklären, worum es sich dabei handelt? Was ist ihr Ziel? Welchen spirituellen Nutzen kann eine Person haben, die sie individuell praktiziert?

Anwort: Nach dem, was und Don Juan Matus lehrte, entdeckten die Schamanen im alten Mexiko eine Serie von Bewegungen, die wenn sie vom Körper ausgeführt wurden, sie in einen Zustand derartiger physischer und geistiger Leistungsfähigkeit versetzten, daß sie beschlossen, jene Bewegungen magisch zu nennen.

Don Juan erzählte uns, diese Schamanen hätten durch ihre magischen Bewegungen ein gesteigertes Bewußtseinsniveau erreicht, welches ihnen erlaubte, unbeschreibbare Meisterstücke der Wahrnehmung durchzuführen.

Über Generationen wurden die magischen Bewegungen nur den Praktizierenden des Schamanismus gelehrt, im Zusammenhang mit ungeheurer Geheimnistuerei und komplexen Ritualen. Auf diese Weise lernte Don Juan sie kennen, und so brachte er sie auch seinen vier Schülern bei.

Unsere Bemühung war es, die Unterweisung der magischen Bewegungen auf alle diejenigen auszudehnen, die sie lernen wollen. Wir haben sie “Tensegrity” genannt und von rein persönlichen, auf jeden einzelnen der vier Schüler zugeschnittenen Bewegungen in generelle, auf jede Person anwendbare Bewegungen umgewandelt.

Tensegrity zu praktizieren, sei es auf individuelle oder gemeinschaftliche Weise, fördert die Gesundheit, Vitalität, Jugendlichkeit und allgemeines Wohlbefinden. Don Juan sagte, daß das Praktizieren der magischen Bewegungen helfe, die für die Bewußtseinserweiterung und die Ausdehnung der Parameter der Wahrnehmung notwendige Energie zu akkumulieren.

Frage: Abgesehen von Ihren drei Kolleginnen haben die Teilnehmer an Ihren Seminaren andere Leute kennengelernt wie die “Chacmools”, die “Energie-Tracker”, die”Elements” oder den “Blauen Scout”. Wer sind sie? Handelt es sich um eine neue Generation von Sehern, die von Ihnen angeleitet werden? Und wenn dem so ist, wie kann jemand dieser Gruppe von Praktizierenden beitreten?

Antwort: All diese Personen sind genau bezeichnete Wesen, auf die Don Juan als Vorsteher seiner Linie uns zu warten auftrug. Er sagte die Ankunft einer jeden von ihnen als integralen Bestandteil einer Vision voraus. Da Don Juans Linie wegen der energetischen Konfiguration seiner vier Schüler nicht fortgesetzt werden konnte, ist deren Auftrag von der Weiterführung in das Abschließen der Linie verwandelt worden – wenn möglich mit einem goldenen Siegel.

Wir sind nicht in der Lage diesen Auftrag zu verändern. Weder können wir nach Lehrlingen oder aktiven Mitgliedern aus Don Juans Vision Ausschau halten, noch können wir sie annehmen. Das einzige was wir tun können, ist uns dem Plan der Absicht zu fügen.

Frage: In ihrer Zeitschrift “Leser der Unendlichkeit” haben sie den Begriff “navigieren” benutzt, um zu definieren was Schamanen tun. Werden Sie bald Segel hissen und Anker lichten, um die endgültige Reise anzutreten? Und: wird die Linie toltekischer Krieger und Bewahrer dieses Wissens, mit Ihnen zu Ende gehen?

Antwort: Ja das ist richtig, Don Juans Linie endet mit uns.

Frage: Hier eine Frage, die ich mir häufig stelle: Schließt der Weg des Kriegers die spirituelle Arbeit von Paaren ein, wie es in anderen Disziplinen der Fall ist?

Antwort: Der Weg des Kriegers schließt alles und jeden mit ein. Es kann eine ganze Familie makelloser Krieger geben. Die Schwierigkeit liegt in der furchtbaren Tatsache, daß individuelle Beziehungen auf emotionale Investitionen gegründet sind, und sobald der oder die Praktizierende wirklich das tut, was sie oder er lernt, zerbricht die Beziehung. Im Alltag werden emotionale Investitionen normalerweise nicht untersucht, und wir leben ein ganzes Leben in der Erwartung, daß man sich uns erkenntlich zeigt. Don Juan sagte, ich wäre ein hartnäckiger Investor und meine Art zu leben und zu fühlen, ließe sich sehr einfach als ” ich gebe nur was ich bekomme” beschreiben.

Frage: Welche Wachstumsmöglichkeiten hat derjenige, der gemäß dem in Ihren Büchern verbreiteten Wissen spirituell an sich arbeiten will? Was würden Sie denjenigen empfehlen, die Don Juans Lehren selbst praktizieren wollen?

Antwort: Dem individuell erreichbaren sind keine Grenzen gesetzt, wenn die Absicht
makelllos ist. Aber noch einmal: Die Lehren Don Juans sind nicht spirituell! Die Idee von Spiritualität paßt nicht zur eisernen Disziplin eines Kriegers. Für einen Schamanen wie Don Juan ist der Gedanke des Pragmatismus die wichtigste Sache.

Als ich ihn traf, hielt ich mich für einen praktischen Menschen, einen Sozialwissenschaftler voller Objektivität und Pragmatismus. Er zerschlug meine Anmaßungen und brachte mich dazu zu erkennen, daß ich, als ein echter Westler, weder pragmatisch noch spirituell war. Schließlich verstand ich, daß ich das Wort “Spiritualität” bloß im Kontrast zur Käuflichkeit der Welt des täglichen Lebens wiederholte. Ich wollte vom Krämergeist des Alltagslebens wegkommen und nannte diese Begierde “Spiritualität”. Als Don Juan von mir eine Schlußfolgerung, eine Definition dessen verlangte, was ich für spirituell hielt, wußte ich, er hatte recht. Ich hatte keine Ahnung, worüber ich redete.

Es mag ein wenig überheblich klingen, was ich sage, aber es gibt keine andere Art es zu benennen. Ein Schamane wie Don Juan will Bewußtheit erweitern, d.h. dazu imstande sein, mit allen Möglichkeiten der menschlichen Aufnahmefähigkeit wahrzunehmen. Das schließt eine riesenhafte Aufgabe und einen unbeugsamen Vorsatz ein, der nicht durch die Spiritualität westlicher Prägung ersetzt werden kann.

Frage: Gibt es irgend etwas, was sie den Südamerikanern erklären möchten, insbesondere den Chilenen? Würden sie gerne noch irgend etwas neben ihren Antworten auf unsere Fragen sagen?

Antwort: Ich habe nichts hinzuzufügen. Alle menschlichen Wesen befinden sich auf der selben Stufe. Am Anfang meiner Beziehung zu Don Juan Matus versuchte er mir klarzumachen, wie allgemein die Situation des Menschen ist. Als Südamerikaner war ich intellektuell sehr mit den Ideen von sozialen Reformen beschäftigt. Eines Tages stellte ich Don Juan das, was ich für eine tödliche Frage hielt: “Wie kannst Du angesichts der schrecklichen Lage deiner Landsleute, der Yaqui-Indianer aus Sonora, unbewegt bleiben?” Ich wußte, daß ein gewisser Prozentsatz der Yaqui-Bevölkerung an Tuberkulose litt und sie wegen ihrer wirtschaftlichen Situation keine Heilungsmöglichkeit hatten.

“Ja”, sagte Don Juan, ” es ist eine sehr traurige Sache, aber deine Lage ist auch sehr traurig, und wenn Du glaubst, es gehe dir besser, bist Du im Irrtum. Die Lage des Menschen ist ganz allgemein ein schreckenerregender Zustand des Chaos. Keiner ist besser dran als der andere. Wir alle sind Wesen, die sterben müssen, und wenn wir das nicht zugeben, gibt es kein Heilmittel für uns.”

Dies ist ein weiterer Gesichtspunkt des Pragmatismus der Schamanen: Sich bewußt zu werden, daß wir sterbliche Wesen sind. Wenn wir das tun, sagen sie, bekommt alles eine übergreifende Ordnung und ein Maß.

* Übersetzt aus dem Englischen. Wiedergabe mit Erlaubnis von Uno Mismo. Copyright 1997-2013 Laugan Productions

Cleargreen, Inc.

Copyright © 1995-2017, Laugan Productions, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Die vollständige oder teilweise Reproduktion ist strikt verboten ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung des Copyright-Inhabers. Tensegrity®, Magical Passes® und Theater of Infinity® und sind eingetragene Marken.